Die Entscheidung, wer das Drehbuch schreibt, ist eine der folgenreichsten im gesamten Produktionsprozess. Ein guter Autor macht aus einer mittelmäßigen Idee einen überzeugenden Film. Ein falscher Autor kann eine brillante Idee zerstören. Trotzdem wird die Auswahl des Autors in der deutschen Filmbranche oft erstaunlich beiläufig getroffen — auf Basis persönlicher Bekanntschaft, einer vagen Empfehlung oder schlicht, weil gerade jemand verfügbar ist. Dieser Artikel beschreibt, wie Produzenten die Zusammenarbeit mit externen Drehbuchautoren systematisch und professionell gestalten können.
Warum die Autorenwahl so entscheidend ist
Ein Drehbuch ist kein austauschbares Zulieferprodukt. Es ist die kreative Grundlage, auf der alles andere aufbaut — Regie, Kamera, Schauspiel, Schnitt. Wenn das Drehbuch nicht stimmt, kann kein noch so talentiertes Team den Film retten. Die umgekehrte Aussage gilt genauso: Ein herausragendes Drehbuch verzeiht viel. Es gibt der Regie Spielraum, den Schauspielern Material, der Produktion Sicherheit.
Das bedeutet: Die Wahl des Autors ist keine Personalentscheidung — sie ist eine kreative Entscheidung. Und sie muss genauso sorgfältig getroffen werden wie die Wahl des Regisseurs oder der Hauptdarsteller. Vielleicht sogar sorgfältiger, denn sie fällt früher und beeinflusst alles, was danach kommt.
Den richtigen Drehbuchautor finden
Der richtige Autor ist nicht der beste Autor. Er ist der richtige Autor für diesen Stoff. Ein Autor, der brillante Komödien schreibt, ist nicht automatisch die richtige Wahl für einen düsteren Thriller. Ein Autor mit hervorragenden Dialogfähigkeiten ist nicht automatisch gut in Struktur. Diese Unterscheidung klingt banal, wird aber in der Praxis ständig ignoriert.
Produzenten sollten bei der Suche nach dem richtigen Drehbuchautor folgende Fragen stellen: Welches Genre beherrscht der Autor? Was sind seine erzählerischen Stärken — Struktur, Figuren, Dialoge, Atmosphäre? Hat er Erfahrung mit dem Format — Kino, Fernsehfilm, Serie? Kann er mit dramaturgischem Feedback umgehen? Stimmt die persönliche Chemie, die für eine lange Zusammenarbeit nötig ist?
Die Antworten finden sich nicht im Lebenslauf. Sie finden sich in den Arbeitsproben. Lesen Sie mindestens zwei, besser drei Drehbücher des Autors — nicht Zusammenfassungen, nicht Treatments, sondern fertige Drehbücher. Nur so können Sie beurteilen, ob der Autor die handwerklichen Fähigkeiten mitbringt, die Ihr Stoff verlangt.
Wo Produzenten Drehbuchautoren finden
Der Verband Deutscher Drehbuchautoren führt ein Verzeichnis seiner Mitglieder, das nach Genre und Erfahrung gefiltert werden kann. Die Filmhochschulen in München, Potsdam, Ludwigsburg und Berlin bilden jedes Jahr Absolventen aus, deren Abschlussarbeiten öffentlich zugänglich sind. Die Drehbuchförderer auf Bundes- und Landesebene verfügen über Datenbanken geförderter Projekte — ein gefördertes Drehbuch ist ein Qualitätsindikator, der über eine bloße Empfehlung hinausgeht.
Darüber hinaus gibt es Agenturen, die Drehbuchautoren vertreten und Produzenten gezielt Autoren vorschlagen können. Die größeren Agenturen kennen die Stärken ihrer Klienten genau und können bei der Zuordnung von Stoff und Autor helfen. Auch Branchenevents wie der Berlinale Co-Production Market, das Filmfest München oder die Nordmedia Pitchings bieten Gelegenheit, Autoren und ihre Arbeiten kennenzulernen.
Vertragsgestaltung: Klare Regeln, weniger Konflikte
Die meisten Konflikte zwischen Produzenten und Autoren entstehen nicht aus kreativen Differenzen — sie entstehen aus unklaren Verträgen. Wer das vermeiden will, muss vor Beginn der Zusammenarbeit alle wesentlichen Punkte schriftlich regeln. Die Vergütungsempfehlungen des VDD bieten dafür eine solide Grundlage.
Ein professioneller Drehbuchvertrag regelt mindestens folgende Punkte: Den genauen Leistungsumfang — welche Fassungen sind geschuldet? Wie viele Überarbeitungsrunden sind enthalten? Wo endet die vereinbarte Leistung? Die Vergütung — aufgeteilt in Grundhonorar und eine Beteiligung an der Verwertung. Die Rechteübertragung — welche Nutzungsrechte werden wann und in welchem Umfang übertragen? Die Abnahmebedingungen — nach welchen Kriterien wird eine Fassung abgenommen oder zurückgewiesen? Die Kreditierung — wie wird der Autor im Vor- und Abspann genannt?
Ein häufiger Fehler: Der Vertrag wird erst geschlossen, nachdem der Autor bereits mit der Arbeit begonnen hat. Dann stimmen die Erwartungen längst nicht mehr überein. Der Autor hat ein anderes Verständnis von „erster Fassung” als der Produzent. Der Produzent erwartet unbegrenzte Überarbeitungen, der Autor sieht zwei vor. Der Vertrag sollte vor dem ersten Wort stehen, nicht nach dem ersten Entwurf.
Die Zusammenarbeit steuern
Stoffentwicklung ist ein Dialog. Der Produzent gibt dem Autor kein Briefing und wartet dann auf das Ergebnis. Er begleitet den Prozess — von der Idee über das Exposé, das Treatment bis zum fertigen Drehbuch. In jeder Phase gibt er Feedback. Nicht als Chef, der Anweisungen erteilt, sondern als kreativer Partner, der die Geschichte schärft.
Die Qualität des Feedbacks bestimmt die Qualität des Drehbuchs. Gutes Feedback ist konkret, nicht vage. Es benennt Probleme, nicht Lösungen — der Autor weiß besser als der Produzent, wie ein dramaturgisches Problem gelöst wird. Es bezieht sich auf den Stoff, nicht auf den Autor. Und es kommt rechtzeitig — nicht drei Wochen nach Abgabe, wenn der Autor längst am nächsten Projekt arbeitet.
Ein Meilensteinplan hilft, die Zusammenarbeit zu strukturieren. Jede Phase — Exposé, Treatment, erste Fassung, Überarbeitungen — bekommt eine Deadline und eine Abnahme. Nach jeder Abnahme wird das Honorar anteilig ausgezahlt. Das schafft Verbindlichkeit auf beiden Seiten und verhindert, dass ein Projekt monatelang in einer Phase feststeckt.
Was tun, wenn es nicht funktioniert
Nicht jede Zusammenarbeit funktioniert. Es kommt vor, dass ein Autor den Stoff nicht trifft — trotz sorgfältiger Auswahl, trotz gutem Feedback, trotz klarer Vereinbarungen. Das ist keine Schande und kein Versagen. Es ist eine Realität der kreativen Arbeit.
Wenn ein Produzent nach dem Exposé oder dem Treatment merkt, dass der Autor nicht der richtige für diesen Stoff ist, sollte er die Zusammenarbeit beenden — professionell, fair und mit Bezahlung der geleisteten Arbeit. Das ist billiger und weniger schmerzhaft als ein Drehbuch, das nach fünf Fassungen immer noch nicht funktioniert. Ein sauber formulierter Vertrag mit Ausstiegsklauseln nach jeder Phase macht das möglich.
Die Rechte an den bereits gelieferten Materialien müssen in diesem Fall klar geregelt sein. Kann der Produzent auf Basis des vorhandenen Treatments einen anderen Autor beauftragen? Darf der ursprüngliche Autor die gemeinsam entwickelten Ideen anderweitig verwerten? Diese Fragen gehören in den Vertrag — nicht in die Trennungsverhandlung.
Autorenwechsel: Ein heikles Thema
In der deutschen Filmbranche ist der Autorenwechsel ein Tabuthema. Im anglo-amerikanischen System ist er Standard — dort werden Drehbücher routinemäßig von mehreren Autoren überarbeitet, umgeschrieben und poliert. In Deutschland gilt das als Affront gegen den Autor. Beides sind Extreme.
Ein Autorenwechsel kann sinnvoll sein, wenn die Geschichte stimmt, aber die Ausführung nicht. Wenn ein Autor großartige Figuren entwickelt hat, aber die Struktur nicht hinbekommt. Wenn das Treatment überzeugend ist, aber der Dialogstil nicht zum Genre passt. In solchen Fällen ist ein Autorenwechsel kein Zeichen des Scheiterns — er ist eine kreative Entscheidung im Dienst des Stoffes.
Voraussetzung ist allerdings, dass der erste Autor fair behandelt wird — mit voller Bezahlung, mit einem angemessenen Credit und mit der Gewissheit, dass seine Arbeit die Grundlage des fertigen Films bildet, auch wenn ein anderer sie weiterführt. Das Urheberrecht schützt den Autor hier ausdrücklich.
Wie geht es weiter?
Die Zusammenarbeit mit dem richtigen Drehbuchautor ist die wichtigste Investition, die ein Produzent tätigen kann. Sie entscheidet über die Qualität des Stoffes und damit über den Erfolg oder Misserfolg des gesamten Projekts. Wer diesen Prozess nicht allein steuern möchte — oder einen erfahrenen Partner für die Autorensuche und Stoffentwicklung braucht — findet unser Angebot auf der Seite Stoffentwicklung für Produzenten & Sender.
Literatur
Oliver Schütte: Die Kunst des Drehbuchlesens. UVK Verlag, Konstanz 2009. Wie Produzenten und Redakteure Drehbücher professionell bewerten können — unverzichtbar für die Auswahl und Zusammenarbeit mit Autoren.
Eckhard Wendling: Filmproduktion — Eine Einführung in die Produktionsleitung. UVK Verlag, Konstanz 2012. Die organisatorische und vertragliche Seite der Stoffentwicklung aus Produzentensicht.
Robert McKee: Story — Substance, Structure, Style, and the Principles of Screenwriting. ReganBooks, New York 1997. Gemeinsame dramaturgische Sprache, die die Kommunikation zwischen Produzent und Autor erleichtert.
Linda Seger: Making a Good Script Great. Silman-James Press, Los Angeles 2010. Systematischer Ansatz zur Verbesserung von Drehbüchern — hilfreich für Produzenten, die gezieltes Feedback geben wollen.
Dennis Eick: Drehbuchtheorien — Eine vergleichende Analyse. UVK Verlag, Konstanz 2006. Verschiedene Ansätze der Dramaturgie, die bei der Wahl des dramaturgischen Rahmens für ein Projekt helfen.
Weiterführende Links
Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) — Vergütungsempfehlungen, Vertragsstandards und ein Verzeichnis professioneller Drehbuchautoren.
FFA: Jurybasierte Drehbuchförderung — Übersicht der geförderten Drehbuchprojekte als Orientierung bei der Autorensuche.
Filmpuls: Was macht ein Drehbuchautor? — Berufsbild und Zusammenarbeit aus Branchensicht.
Wikipedia: Drehbuchautor — Grundlegende Einordnung des Berufsbilds und der rechtlichen Stellung des Autors im deutschen Film.