Drehbuchautor werden: Wege, Ausbildung und Realität in Deutschland


Sie denken darüber nach, Drehbuchautor zu werden. Vielleicht haben Sie schon eine Filmidee im Kopf, vielleicht auch schon ein erstes Drehbuch in der Schublade. Oder Sie stehen ganz am Anfang und fragen sich, ob dieser Beruf überhaupt realistisch ist — ob man davon leben kann, wie man reinkommt und was man dafür brauchen. Dieser Artikel gibt ehrliche Antworten. Nicht die geschönte Version, nicht die entmutigende — sondern die realistische.

Drehbuchautor ist kein Ausbildungsberuf

Das Erste, was Sie wissen müssen: Es gibt keine geschützte Berufsbezeichnung „Drehbuchautor” und keinen vorgeschriebenen Ausbildungsweg. Sie brauchen keinen bestimmten Schulabschluss, kein Diplom und keine Zulassung. Theoretisch kann jeder morgen anfangen, Drehbücher zu schreiben. Praktisch trennen sich allerdings sehr schnell die Talentierten von den Ambitionierten — und noch schneller die Disziplinierten von den Enthusiastischen.

Drehbuchschreiben ist ein Handwerk. Wie jedes Handwerk lässt es sich erlernen, aber es erfordert Übung, Anleitung und die Bereitschaft, die eigene Arbeit immer wieder kritisch zu betrachten. Talent hilft. Sprachgefühl hilft. Aber ohne Disziplin, Ausdauer und die Fähigkeit, mit Kritik umzugehen, werden auch die Talentiertesten nicht weit kommen.

Weg 1: Filmhochschule

Der klassische Weg führt über ein Studium an einer Filmhochschule. In Deutschland gibt es mehrere staatliche und private Einrichtungen, die Drehbuch als eigenständigen Studiengang anbieten.

Die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) bildet seit Jahrzehnten Drehbuchautoren aus. Die Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF in Potsdam bietet einen Bachelor- und Masterstudiengang in Drehbuch/Dramaturgie mit kleinen Seminargruppen von sechs bis neun Studierenden. Die Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) hat einen Diplomstudiengang mit neun Semestern Regelstudienzeit. Die Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg bietet neben dem regulären Studium auch ein zweijähriges Projektstudium für Quereinsteiger mit Vordiplom an. Die ifs internationale filmschule köln und die Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) ergänzen das Angebot. Die Hamburg Media School (HMS) bietet einen Masterstudiengang an.

Ein Studium an einer Filmhochschule hat mehrere Vorteile: Sie bekommen über mehrere Jahre intensive Auseinandersetzung mit dem Handwerk, arbeiten mit Studierenden anderer Gewerke (Regie, Produktion, Kamera) zusammen und bauen ein Netzwerk auf, das Ihr gesamtes Berufsleben tragen kann. Die Dozenten sind in der Regel aktive Branchenprofis, und viele Ihrer Kurzfilme werden tatsächlich produziert und auf Festivals gezeigt.

Der Nachteil: Die Aufnahmeprüfungen sind extrem selektiv. Je nach Hochschule werden jährlich nur sechs bis zwölf Studierende aufgenommen — bei Hunderten von Bewerbungen. Und ein Studium dauert drei bis fünf Jahre. Wer bereits mitten im Berufsleben steht, kann sich das oft nicht leisten.

Weg 2: Quereinstieg

Viele der erfolgreichsten Drehbuchautoren in Deutschland sind Quereinsteiger. Sie kommen aus dem Journalismus, aus der Literatur, aus der Theaterwelt, aus der Werbung oder aus ganz anderen Berufen. Was sie verbindet: Irgendwann haben sie angefangen, Geschichten für Film und Fernsehen zu schreiben — und sie haben nicht aufgehört.

Der Quereinstieg ist in der deutschen Filmbranche keineswegs unüblich. Allerdings stellt er Sie vor eine andere Herausforderung als das Studium: Sie müssen sich das Handwerk selbst beibringen, Ihre eigenen Kontakte knüpfen und ohne den Schutzraum einer Hochschule in die Branche finden.

Hilfreiche Schritte für Quereinsteiger: Lesen Sie Drehbücher — nicht Filme schauen, sondern Drehbücher lesen. Im Internet finden Sie Datenbanken mit Originalskripten. Schreiben Sie Kurzfilme — fünf bis zehn Seiten, eine Figur, ein Konflikt. Suchen Sie sich Regiestudenten oder junge Filmemacher, die Stoffe suchen — an Filmhochschulen werden immer Drehbücher gebraucht. Besuchen Sie Workshops und Seminare, die von aktiven Branchenprofis geleitet werden. Und vor allem: Schreiben Sie. Regelmäßig. Nicht nur wenn die Inspiration kommt.

Weg 3: Der Umweg über verwandte Berufe

Ein dritter Weg, der oft unterschätzt wird: erst in einem verwandten Bereich der Filmbranche Fuß fassen und dann ins Drehbuchschreiben wechseln. Viele Drehbuchautoren haben als Redakteure bei Fernsehsendern angefangen, als Dramaturgen in Produktionsfirmen, als Script Continuity am Set oder als Produktionsassistenten.

Der Vorteil dieses Wegs: Sie lernen die Branche von innen kennen. Sie verstehen, wie Produktionsfirmen arbeiten, wie Stoffe ausgewählt werden, welche Fehler eingereichte Drehbücher typischerweise haben. Sie bauen Kontakte auf — zu Produzenten, Redakteuren, anderen Autoren. Und wenn Sie dann Ihr eigenes Drehbuch vorlegen, haben Sie nicht nur einen Stoff, sondern auch Glaubwürdigkeit.

Praktika bei Produktionsfirmen oder Sendern sind ein guter Einstieg. Auch die Arbeit als freier Redakteur für Reality-Formate, Dokumentationen oder Corporate Film kann wertvolle Erfahrung bringen — und Einkommen, während Sie parallel an Ihrem Spielfilmprojekt arbeiten.

Was man verdient: Die Realität

Vom Drehbuchschreiben allein zu leben, gelingt in Deutschland nur wenigen hundert Autoren. Das ist kein Mythos und keine Abschreckung — es ist eine Zahl, die Sie kennen sollten, bevor Sie Entscheidungen treffen.

Die Vergütung für ein Fernsehfilm-Drehbuch (90 Minuten, mehrere Fassungen) liegt tariflich zwischen 25.000 und 50.000 Euro. Für eine Serienepisode bei etwa 10.000 bis 15.000 Euro. Für ein Kinofilm-Drehbuch variieren die Beträge stark — Debütanten erhalten oft zwischen 15.000 und 25.000 Euro, etablierte Autoren deutlich mehr. Hinzu kommen Wiederholungsvergütungen über die VG Wort, die über die Jahre einen spürbaren Betrag erreichen können.

Klingt erst einmal nicht schlecht. Aber: Ein Drehbuch zu schreiben dauert Monate, manchmal ein Jahr oder länger. Zwischen zwei Aufträgen können weitere Monate vergehen. Nicht jedes begonnene Projekt wird beendet, nicht jedes beendete wird produziert. Und die Zeit, die Sie in die Akquise, das Pitchen und die Netzwerkarbeit investieren, wird nicht bezahlt.

Viele Drehbuchautoren arbeiten daher parallel in verwandten Bereichen: als Dozenten, Dramaturgen, Lektoren, in der Werbung oder im Journalismus. Das ist kein Zeichen von Scheitern — es ist die Realität eines freiberuflichen Kreativberufs in einem vergleichsweise kleinen Markt.

Was gute Drehbuchautoren ausmacht

Talent und Sprachgefühl sind die Voraussetzung. Aber die Autoren, die langfristig arbeiten und davon leben können, zeichnen sich durch weitere Eigenschaften aus, die weniger mit Kreativität zu tun haben als mit Professionalität.

Disziplin. Drehbuchschreiben ist kein Hobby, bei dem man schreibt, wenn man Lust hat. Es ist Arbeit — mit Deadlines, mit Überarbeitungsschleifen, mit Texten, die man am liebsten wegwerfen würde, aber trotzdem fertig schreibt.

Die Fähigkeit, Kritik anzunehmen. Jedes Drehbuch wird überarbeitet. Produzenten haben Anmerkungen. Redakteure haben Wünsche. Regisseure haben Visionen, die von Ihren abweichen. Wer seine Texte nicht loslassen kann, wer jede Anmerkung als persönlichen Angriff empfindet, wird in dieser Branche nicht glücklich.

Neugier. Gute Drehbuchautoren interessieren sich für die Welt — für Menschen, für Konflikte, für Milieus, die ihnen fremd sind. Sie recherchieren gründlich. Sie beobachten. Sie hören zu. Die besten Geschichten kommen nicht aus dem Kopf des Autors, sondern aus der Wirklichkeit, die er aufmerksam beobachtet.

Geschäftssinn. Drehbuchschreiben ist auch ein Geschäft. Sie müssen wissen, wie Verträge funktionieren, was Ihre Rechte sind, wie Sie Ihre Arbeit angemessen vergüten lassen. Der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) bietet hier Orientierung und Rechtsberatung.

Der erste Schritt: Einfach anfangen

Der wichtigste Rat, den erfahrene Drehbuchautoren Einsteigern geben, ist überraschend einfach: Fangen Sie an zu schreiben. Nicht morgen, nicht wenn die Umstände besser sind, nicht wenn Sie den perfekten Kurs gefunden haben. Jetzt.

Schreiben Sie einen Kurzfilm. Fünf Seiten. Eine Figur, ein Konflikt, eine Auflösung. Dann schreiben Sie den nächsten. Und den nächsten. Lesen Sie Drehbücher, schauen Sie Filme analytisch, besuchen Sie einen Workshop. Aber vor allem: Schreiben Sie. Denn am Ende ist das der einzige Weg, herauszufinden, ob dieser Beruf zu Ihnen passt — und ob Sie zu diesem Beruf passen.

Wenn Sie den Einstieg mit professioneller Begleitung machen wollen — in einem Workshop, im 1:1-Coaching oder durch ein Lektorat Ihres ersten Drehbuchs — finden Sie unsere Angebote auf der Seite Drehbuch: Leistungen für Autorinnen & Autoren.

Literatur

Syd Field: Screenplay — The Foundations of Screenwriting. Delta, New York 2005. Das Buch, mit dem die meisten Drehbuchautoren weltweit angefangen haben — nach wie vor die beste Einführung ins Handwerk.

Robert McKee: Story — Substance, Structure, Style, and the Principles of Screenwriting. ReganBooks, New York 1997. Für alle, die über die Grundlagen hinauswollen — McKees Ansatz behandelt das Drehbuch als Erzählkunst.

Holger Karsten Schmidt: Einmal Traumfabrik und zurück. Bastei Lübbe, Köln 2012. Ein schonungslos ehrlicher Erfahrungsbericht über das Leben als Drehbuchautor in Deutschland.

Christopher Vogler: Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Zweitausendeins, Frankfurt 2004. Die deutsche Ausgabe von „The Writer’s Journey” — zeigt, wie universelle Erzählmuster in jedem Drehbuch wirken.

Jens Becker, Jürgen Schönenborn: Vom Kopfkino zum Drehbuch. Autorenhaus Verlag, Berlin 2014. Eine praxisorientierte Einführung, die sich explizit an Einsteiger im deutschsprachigen Raum richtet.

Weiterführende Links

Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) — Berufsverband mit Informationen zu Recht, Vergütung, Ausbildungswegen und Veranstaltungen.

Filmuniversität Babelsberg: Studiengang Drehbuch/Dramaturgie — Informationen zum Bachelor- und Masterstudium an der traditionsreichsten deutschen Filmhochschule.

Filmakademie Baden-Württemberg: Drehbuchstudium — Übersicht über das reguläre Studium und das Projektstudium für Quereinsteiger.

Wikipedia: Drehbuchautor — Grundlegende Informationen zu Berufsbild, Geschichte und Arbeitsweise.

Drehbuch-Coaching in Berlin — Masterclass und Einzelcoaching für angehende und erfahrene Drehbuchautoren.


Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *