Sie haben ein Drehbuch geschrieben — oder zumindest ein Exposé und ein Treatment — und wollen es der Branche zeigen. Die Frage „Wo reiche ich mein Drehbuch ein?” klingt simpel, hat aber keine einfache Antwort. Denn es gibt keinen zentralen Briefkasten, in den man sein Skript wirft und dann auf Antwort wartet. Der deutsche Film- und Fernsehmarkt hat eigene Spielregeln, eigene Wege und eigene Fallstricke. Dieser Artikel zeigt, welche Optionen Sie haben — und wie Sie Ihre Chancen maximieren.
Regel Nummer eins: Nicht das Drehbuch einreichen
Das klingt paradox, aber es ist der wichtigste Rat: Reichen Sie kein fertiges Drehbuch als Erstkontakt ein. Niemand in der Branche — kein Produzent, kein Redakteur, kein Agent — hat die Zeit, 90 bis 120 Seiten von einem unbekannten Autor zu lesen. Die Realität ist: Unverlangt eingesandte Drehbücher werden in den allermeisten Fällen nicht gelesen. Sie werden abgelegt, zurückgeschickt oder — im schlimmsten Fall — aus rechtlichen Gründen ungeöffnet vernichtet.
Was Sie stattdessen einreichen: ein Exposé. Zwei bis vier Seiten, die Ihre Geschichte auf den Punkt bringen. Begleitet von einer Logline und einem kurzen Anschreiben, das erklärt, wer Sie sind und warum Sie sich an diese bestimmte Firma wenden. Das Exposé ist der Türöffner. Wenn es überzeugt, wird man nach dem Treatment fragen. Und wenn das Treatment überzeugt, nach dem Drehbuch.
Produktionsfirmen: Der wichtigste Ansprechpartner
In Deutschland sind Produktionsfirmen der primäre Ansprechpartner für Drehbuchautoren. Sender wie ARD, ZDF, RTL oder ProSieben produzieren ihre Inhalte nicht selbst — sie beauftragen Produktionsfirmen. Und Streaming-Dienste wie Netflix oder Amazon arbeiten ebenfalls über Produktionsfirmen oder akzeptieren Stoffe nur über Agenten und Branchenvertreter.
Bevor Sie eine Produktionsfirma anschreiben, müssen Sie recherchieren. Welche Firma produziert Stoffe, die Ihrem Genre und Ihrer Tonalität entsprechen? Schauen Sie sich die Filmografien an. Nutzen Sie Branchenplattformen wie crew-united.com. Lesen Sie die Branchenpresse. Erstellen Sie eine Liste von fünf bis zehn Firmen, die zu Ihrem Stoff passen.
Dann kontaktieren Sie die Firma — idealerweise per Telefon, um zu fragen, ob und in welcher Form Stoffe angenommen werden. Manche Firmen haben offene Einreichungsfenster. Manche bevorzugen E-Mail mit Exposé im Anhang. Manche nehmen grundsätzlich keine unverlangt eingesandten Stoffe an. Respektieren Sie die Spielregeln jeder Firma. Wer ungefragt ein Drehbuch schickt, verbaut sich Chancen.
Sender und Redaktionen
Theoretisch können Sie Ihr Exposé auch direkt an eine Fernsehredaktion schicken. In der Praxis ist der Weg über die Produktionsfirma aber fast immer erfolgversprechender. Der Grund: Sender vergeben Produktionsaufträge an Firmen, nicht an einzelne Autoren. Selbst wenn ein Redakteur Ihren Stoff interessant findet, wird er ihn an eine Produktionsfirma weiterleiten — und dann hängt es von der Firma ab, ob sie mit Ihnen arbeiten will.
Es gibt Ausnahmen: Manche Sender, insbesondere im öffentlich-rechtlichen Bereich, haben eigene Stoffentwicklungs-Abteilungen oder Nachwuchsprogramme, in denen Autoren direkt gefördert werden. Die ARD-Tochter Degeto, das ZDF-Redaktionsteam für Fernsehfilme und einzelne Landesrundfunkanstalten haben Programme für Nachwuchsautoren. Informieren Sie sich auf den jeweiligen Websites über aktuelle Ausschreibungen.
Filmförderungen
Die öffentliche Filmförderung ist in Deutschland ein etablierter und gut ausgebauter Weg, einen Stoff in die Entwicklung zu bringen — und gleichzeitig Geld dafür zu bekommen. Anders als bei Produktionsfirmen reichen Sie hier nicht ein Exposé ein, das gelesen oder nicht gelesen wird, sondern einen formellen Förderantrag, der von einem Fachgremium bewertet wird.
Auf Bundesebene sind die FFA und die BKM die wichtigsten Adressen. Die FFA fördert Treatments mit bis zu 15.000 Euro und Drehbücher mit bis zu 40.000 Euro. Die BKM gewährt Drehbuchförderung von bis zu 30.000 Euro. Auf Landesebene gibt es Förderinstitutionen wie das Medienboard Berlin-Brandenburg, die Film- und Medienstiftung NRW, den FFF Bayern und weitere. Jede Förderstelle hat eigene Richtlinien, Fristen und Schwerpunkte.
Der Vorteil der Förderung: Sie werden für Ihre Arbeit bezahlt, unabhängig davon, ob der Film am Ende produziert wird. Und eine Förderung signalisiert der Branche, dass Ihr Stoff von einem Fachgremium für förderwürdig befunden wurde — das öffnet Türen.
Agenten und Agenturen
In den USA führt kein Weg an Agenten vorbei. In Deutschland ist die Situation anders — der Agentenmarkt ist kleiner und viele Autoren arbeiten ohne Agent. Trotzdem kann ein Agent erheblichen Mehrwert bieten: Er kennt den Markt, hat bestehende Beziehungen zu Produzenten und Redakteuren und weiß, welcher Stoff zu welcher Firma passt.
Das Problem: Einen Agenten zu finden ist fast so schwer wie einen Produzenten zu finden. Agenten nehmen nur Autoren auf, von deren Arbeit sie überzeugt sind — und sie wollen in der Regel ein fertiges Drehbuch sehen, bevor sie sich entscheiden. Der Agent ist also kein Einstieg in die Branche, sondern ein nächster Schritt für Autoren, die bereits ein oder zwei Projekte in der Entwicklung haben.
Wettbewerbe und Pitching-Events
Drehbuchwettbewerbe sind eine gute Möglichkeit, Sichtbarkeit zu gewinnen — besonders für Autoren, die noch keine Branchenkontakte haben. In Deutschland gibt es mehrere relevante Wettbewerbe, darunter den Deutschen Drehbuchpreis, den Thomas-Strittmatter-Preis und verschiedene Nachwuchspreise der Landesförderungen.
Pitching-Events auf Festivals bieten die Möglichkeit, Ihren Stoff direkt vor Produzenten und Redakteuren zu präsentieren. Die Berlinale, das Filmfest München, das Seriencamp und die Hofer Filmtage haben etablierte Formate für Nachwuchsautoren. Die Teilnahme erfordert in der Regel eine Bewerbung mit Exposé oder Treatment — informieren Sie sich frühzeitig über Fristen.
Der richtige Zeitpunkt: Wann ist Ihr Stoff einreichungsreif?
Nicht zu früh einreichen — das ist ein Fehler, den viele Anfänger machen. Wenn Ihr Exposé beim ersten Lesen nicht überzeugt, gibt es in der Regel keine zweite Chance. Ein Produzent, der einen schwachen Stoff gelesen hat, wird sich an den Namen des Autors erinnern — und nicht im positiven Sinne.
Ihr Stoff ist einreichungsreif, wenn das Exposé eine klare, spannende Geschichte erzählt, die Figuren Tiefe haben und das Genre eindeutig erkennbar ist. Wenn Sie unsicher sind, holen Sie sich professionelles Feedback — durch ein Lektorat, ein Coaching oder eine dramaturgische Beratung. Die Kosten dafür sind überschaubar im Vergleich zu den Konsequenzen einer voreiligen Einreichung.
Die Einreichung: Eine Checkliste
Logline: Ein bis zwei Sätze, die Ihre Geschichte auf den Punkt bringen. Steht im Anschreiben und im Exposé.
Exposé: Zwei bis vier Seiten, Handlung von Anfang bis Ende, Hauptfiguren, Genre, Tonalität. Immer im Präsens. Immer das Ende verraten.
Anschreiben: Kurz. Wer sind Sie, was ist der Stoff, warum wenden Sie sich an diese Firma. Drei bis vier Absätze reichen.
Kontaktdaten: Name, E-Mail, Telefon. Klingt banal, fehlt erstaunlich oft.
Optional: Kurzbiografie, Filmografie (falls vorhanden), eine ausgearbeitete Dialogszene.
Nicht mitschicken: Das vollständige Drehbuch (nur auf Anfrage), Fotos, Merchandise, persönliche Motivationsschreiben über fünf Seiten.
Wie geht es weiter?
Einreichen ist erst der Anfang. Die Branche reagiert langsam — Antwortzeiten von Wochen bis Monaten sind normal. Absagen sind die Regel, nicht die Ausnahme. Lassen Sie sich nicht entmutigen. Nutzen Sie jedes Feedback, überarbeiten Sie Ihren Stoff und reichen Sie erneut ein — beim nächsten Empfänger, bei der nächsten Förderrunde, beim nächsten Wettbewerb.
Wenn Sie Ihren Stoff vor der Einreichung auf Marktreife bringen lassen wollen — oder wenn Sie als Produzent nach Autoren oder fertigen Stoffen suchen — finden Sie unser Angebot auf der Seite Drehbuch: Leistungen für Autorinnen & Autoren.
Literatur
Holger Karsten Schmidt: Einmal Traumfabrik und zurück. Bastei Lübbe, Köln 2012. Schonungslos ehrlich über die Realität des Einreichens und Verkaufens im deutschen Markt.
Julian Friedmann: Unternehmen Drehbuch — Drehbücher schreiben, präsentieren, verkaufen. Bastei Lübbe, Köln 2002. Der praktische Leitfaden für die Vermarktung von Drehbüchern.
Dennis Eick: Exposé, Treatment und Konzept — Die Vorstufen zum Drehbuch. UVK Verlag, Konstanz 2006. Zeigt, wie Sie Ihre Einreichungsdokumente professionell gestalten.
Sibylle Kurz: Pitch it! Die Kunst, Filmprojekte erfolgreich zu verkaufen. UVK Verlag, Konstanz 2010. Für alle, die ihren Stoff nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich einreichen wollen.
Pilar Alessandra: The Coffee Break Screenwriter. Michael Wiese Productions, Studio City 2010. Enthält kompakte Anleitungen für jede Phase der Einreichung.
Weiterführende Links
VDD: Fragen und Antworten — Der Berufsverband beantwortet die häufigsten Fragen rund um Einreichung, Verträge und Rechte.
FFA: Jurybasierte Drehbuchförderung — Informationen zur Einreichung bei der wichtigsten Bundesförderung.
Crew United — Die Branchenplattform, auf der Sie Produktionsfirmen recherchieren und Kontakte finden können.
Wikipedia: Filmproduktion — Grundlegende Informationen über die Struktur der deutschen Film- und Fernsehbranche.