Serien schreiben in Deutschland: Writers Room, Formate und der Weg rein


Serien sind das Erzählformat der Gegenwart. Was vor zehn Jahren noch als Nischenprodukt galt — erzählerisch ambitionierte, visuell hochwertige Serien aus Deutschland — ist heute ein wachsender Markt. Streaming-Dienste wie Netflix, Amazon und Sky investieren in deutsche Originalproduktionen. Die öffentlich-rechtlichen Sender entwickeln zunehmend serielle Formate. Und mit dem Wachstum des Marktes wächst der Bedarf an Autoren, die seriell schreiben können. Aber was bedeutet das eigentlich? Wie unterscheidet sich das Schreiben einer Serie vom Schreiben eines Spielfilms? Und wie kommt man als Autor in den Writers Room?

Was ist ein Writers Room?

Ein Writers Room ist ein Team von Autoren, das gemeinsam an einer Serie schreibt. Das Konzept stammt aus den USA, wo praktisch jede Fernsehserie in einem Writers Room entsteht — von der Sitcom bis zum Prestigedrama. In Deutschland war der Writers Room lange unüblich. Die meisten deutschen Serien wurden von einem einzelnen Autor oder einem Autorenpaar geschrieben. Erst mit dem Streaming-Boom und dem Einfluss amerikanischer Produktionsstandards hat sich das geändert.

In einem Writers Room arbeiten typischerweise vier bis acht Autoren unter der Leitung eines Headwriters oder Showrunners. Gemeinsam entwickeln sie den Staffelbogen, brechen die einzelnen Episoden auf und verteilen dann das Schreiben der Episoden untereinander. Der Headwriter hat das letzte Wort — er stellt sicher, dass alle Episoden in Ton, Stil und Qualität konsistent sind.

Der Vorteil des Writers Room: Mehrere kreative Köpfe bringen unterschiedliche Perspektiven ein. Probleme, an denen ein einzelner Autor wochenlang feststeckt, werden im Raum in Stunden gelöst. Der Nachteil: Die individuelle Autorenhandschrift tritt zurück. Wer im Writers Room arbeitet, schreibt nicht mehr seinen eigenen Stoff — er arbeitet an einem gemeinsamen Stoff, der allen und niemandem gehört.

Serienformate in Deutschland

Um Serien schreiben zu können, müssen Sie die Formate kennen, die in Deutschland produziert werden. Die wichtigsten sind:

Die Miniserie (drei bis acht Episoden, abgeschlossene Geschichte): Das Format, das in den letzten Jahren am stärksten gewachsen ist. Miniserien erzählen eine komplette Geschichte in wenigen Episoden — ohne die Notwendigkeit, auf eine zweite Staffel hin zu erzählen. Für Autoren, die aus dem Spielfilm kommen, ist die Miniserie oft der zugänglichste Einstieg ins serielle Schreiben.

Die Dramaserie (acht bis zehn Episoden pro Staffel, fortlaufende Handlung): Das Prestige-Format, in dem die erzählerisch ambitioniertesten Projekte entstehen. Drahmaserien erfordern einen durchdachten Staffelbogen, komplexe Figurenentwicklung über mehrere Staffeln und die Fähigkeit, Episoden zu schreiben, die sowohl für sich allein als auch als Teil des Ganzen funktionieren.

Die Procedural-Serie (Krimi, Arzt, Anwalt — episodische Struktur mit fortlaufenden Elementen): Immer noch das Rückgrat des deutschen Fernsehens. Jede Episode erzählt einen abgeschlossenen Fall, während sich die persönlichen Geschichten der Hauptfiguren über die Staffel hinweg entwickeln. Tatort, SOKO, In aller Freundschaft — die Procedurals dominieren die deutschen Sendeplätze.

Die Daily oder Weekly (tägliche oder wöchentliche Ausstrahlung, fortlaufende Handlung): Ein eigenes Universum. Dailys wie GZSZ oder Unter Uns werden in einer Geschwindigkeit produziert, die mit keinem anderen Format vergleichbar ist. Die Arbeit ist intensiv, die Deadlines gnadenlos — aber es ist ein bewährter Einstieg für Autoren, die Erfahrung sammeln und schnelles Schreiben lernen wollen.

Das Serienkonzept: Die Bibel

Bevor eine Serie geschrieben wird, steht das Serienkonzept — in der Branche oft als „Bibel” bezeichnet. Die Bibel ist das Grundlagendokument, das alles definiert: die Serienwelt, die Hauptfiguren, die Prämisse, die Tonalität, den Staffelbogen und die Struktur der einzelnen Episoden.

Eine Serienbibel enthält typischerweise: eine Logline und ein kurzes Exposé der Serienidee, ausführliche Figurenbeschreibungen aller Hauptfiguren (jeweils ein bis zwei Seiten), eine Beschreibung der Serienwelt und der zentralen Schauplätze, den Staffelbogen — also die übergreifende Handlung der ersten Staffel, Kurzoutlines für die einzelnen Episoden und gegebenenfalls einen Ausblick auf weitere Staffeln.

Die Bibel ist das Verkaufsdokument — mit ihr wird die Serie bei Sendern, Streaming-Diensten und Förderinstitutionen vorgestellt. Sie muss zwei Dinge leisten: zeigen, dass die Serienidee für mehrere Staffeln trägt, und dass die erste Staffel eine in sich schlüssige Geschichte erzählt.

Das Pilotdrehbuch

Neben der Bibel wird in der Regel ein Pilotdrehbuch erwartet — das vollständige Drehbuch der ersten Episode. Der Pilot hat eine besondere Funktion: Er muss die Serienwelt einführen, die Hauptfiguren etablieren, den zentralen Konflikt aufbauen und gleichzeitig eine Episode erzählen, die für sich allein funktioniert. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, weil der Pilot deutlich mehr Arbeit leisten muss als jede spätere Episode.

Ein guter Pilot beantwortet drei Fragen: Was ist die Welt dieser Serie? Wer sind die Menschen, denen wir folgen? Und warum wollen wir wissen, wie es weitergeht? Wenn der Zuschauer am Ende des Pilots alle drei Fragen beantwortet hat und trotzdem neugierig auf die nächste Episode ist, hat der Pilot funktioniert.

Horizontale vs. vertikale Erzählung

Der wichtigste konzeptionelle Unterschied zwischen Film und Serie ist die Erzählrichtung. Ein Spielfilm erzählt vertikal — eine Geschichte, von Anfang bis Ende, in sich abgeschlossen. Eine Serie erzählt horizontal — eine Geschichte, die sich über Episoden und Staffeln erstreckt und dabei immer neue Fragen aufwirft.

Die meisten modernen Serien kombinieren beides: eine vertikale Episodenhandlung (jede Episode hat einen eigenen Konflikt, der innerhalb der Episode aufgelöst wird) und eine horizontale Staffelhandlung (die übergreifende Geschichte, die sich über alle Episoden hinweg entwickelt). Die Balance zwischen diesen beiden Ebenen ist das, was serielles Schreiben so anspruchsvoll — und so faszinierend — macht.

Für Autoren, die aus dem Spielfilm kommen, ist die horizontale Erzählung die größte Umstellung. Im Film lösen Sie alle Fragen am Ende auf. In der Serie lassen Sie absichtlich Fragen offen — nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Kalkül. Der Cliffhanger, die offene Figurenentwicklung, das ungelöste Geheimnis — all das sind Werkzeuge, die den Zuschauer in die nächste Episode ziehen.

Wie kommt man als Autor in die Serienarbeit?

Der Einstieg ins Serienschreiben in Deutschland führt über verschiedene Wege. Die klassische Route: Erfahrung sammeln bei Dailys oder Weeklys. Die Arbeit an täglichen Serien ist hart, die Bezahlung moderat und die kreativen Freiheiten begrenzt — aber Sie lernen, unter Druck zu schreiben, Deadlines einzuhalten und im Team zu arbeiten. Viele etablierte Serienautoren haben so angefangen.

Eine zweite Route: Über ein Serienkonzept einsteigen. Wenn Sie eine Serienidee haben, die stark genug ist, um Produzenten oder Fördergremien zu überzeugen, können Sie als Headwriter Ihrer eigenen Serie in die Branche kommen. Das ist der ambitioniertere Weg — und der riskantere, weil Sie ohne Track Record ein ganzes Projekt verkaufen müssen.

Eine dritte Route: Über den Spielfilm. Autoren, die einen erfolgreichen Spielfilm geschrieben haben, werden zunehmend von Produzenten und Streaming-Diensten für Serienprojekte angesprochen. Der Spielfilm ist Ihr Leistungsnachweis — die Serie ist der nächste Schritt.

Und nicht zuletzt: Networking. Der deutsche Serienmarkt ist überschaubar. Die Branche kennt sich. Besuchen Sie das Seriencamp, die Berlinale Series, Branchenveranstaltungen und Pitching-Events. Machen Sie sich einen Namen — durch gute Arbeit, nicht durch laute Worte.

Wie geht es weiter?

Serien zu schreiben ist kein einfacherer Weg als Spielfilme zu schreiben — es ist ein anderer. Er erfordert andere Fähigkeiten: Teamfähigkeit, Ausdauer, die Bereitschaft, an fremden Figuren zu arbeiten und die eigene Handschrift in den Dienst eines größeren Ganzen zu stellen. Aber er bietet auch andere Chancen: mehr Raum für Figurenentwicklung, mehr Episoden, mehr Zeit mit den Charakteren — und einen Markt, der wächst.

Wenn Sie ein Serienkonzept entwickeln wollen oder als Produzent nach Autoren für ein Serienprojekt suchen — finden Sie unser Angebot auf der Seite  Drehbuch: Leistungen für Autorinnen & Autoren.

Literatur

Pamela Douglas: Writing the TV Drama Series. Michael Wiese Productions, Studio City 2011. Das Standardwerk zum Schreiben von Dramaserien — mit Fokus auf amerikanische Produktionsstandards.

Robert McKee: Story — Substance, Structure, Style, and the Principles of Screenwriting. ReganBooks, New York 1997. McKees Prinzipien gelten für Serien ebenso wie für Spielfilme — besonders seine Überlegungen zu Szenengestaltung und Konflikt.

Jens Becker, Robert Krause: Serielles Erzählen — Drehbuchschreiben für TV-Serien. BoD, Norderstedt 2021. Praxisorientiertes Handbuch mit deutschem Branchenfokus.

Brett Martin: Difficult Men — Behind the Scenes of a Creative Revolution. Penguin, New York 2013. Die Geschichte der amerikanischen Prestige-Serien — und der Autoren, die sie geschrieben haben.

Christopher Vogler: Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Zweitausendeins, Frankfurt 2004. Voglers archetypische Strukturen funktionieren in der Serie genauso wie im Film — mit dem Unterschied, dass die Reise über viele Episoden geht.

Weiterführende Links

Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) — Informationen zu Vergütung und Rechten speziell für Serienautoren.

Filmpuls: Treatment für Spielfilm und Serien — Praxisartikel über die Unterschiede in der Stoffentwicklung für Film und Serie.

Wikipedia: Showrunner — Definition und Rolle des Showrunners in der Serienproduktion.

Wikipedia: Writers’ Room — Grundlegende Informationen über Funktion und Arbeitsweise des Writers Room.


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