Die Formatierung eines Drehbuchs ist kein ästhetisches Detail — sie ist eine Überlebensfrage. Ein Drehbuch, das nicht den Branchenstandards entspricht, wird als unprofessionell erkannt, bevor der erste Satz gelesen ist. Produzenten, Redakteure und Lektoren sehen auf den ersten Blick, ob jemand sein Handwerk versteht — und die Formatierung ist das Erste, was sie sehen. Dieser Artikel erklärt alle relevanten Formatierungsregeln, mit Beispielen und der Begründung, warum jede einzelne existiert.
Warum die Formatierung so wichtig ist
Die Formatierung eines Drehbuchs erfüllt zwei Funktionen. Erstens stellt sie die Lesbarkeit sicher. Ein Drehbuch wird nicht wie ein Roman gelesen — es wird von Dutzenden Menschen gelesen, die jeweils andere Informationen daraus ziehen: Regisseure, Schauspieler, Kameraleute, Requisiteure, Produktionsleiter. Die standardisierte Formatierung ermöglicht es jedem, sofort zu erkennen, was eine Szenenüberschrift ist, was Handlung, was Dialog.
Zweitens ermöglicht die Formatierung eine Zeitkalkulation. Die berühmte Faustregel „eine Seite gleich eine Minute Film” funktioniert nur, wenn das Drehbuch korrekt formatiert ist — in Courier 12 Punkt, mit den richtigen Rändern und Abständen. Ein Drehbuch mit 95 Seiten soll einen Film von ungefähr 95 Minuten ergeben. Wenn die Formatierung nicht stimmt, stimmt diese Kalkulation nicht — und niemand kann abschätzen, wie lang der Film wird.
Schrift und Seitenformat
Die Standardschrift ist Courier oder Courier New, Größe 12 Punkt. Courier ist eine nichtproportionale Schrift — jedes Zeichen hat dieselbe Breite. Das macht die Seitenanzahl berechenbar und die Seite optisch konsistent. Manche Autoren verwenden Courier Prime, eine modernisierte Version mit besserer Lesbarkeit. Alle drei Varianten sind akzeptiert.
Keine andere Schriftart ist akzeptabel. Wer sein Drehbuch in Times New Roman, Arial oder gar einer Handschrift-Schrift einreicht, outet sich sofort als Amateur. Die Schriftwahl ist nicht verhandelbar.
Das Seitenformat ist US Letter (8,5 × 11 Zoll) — auch in Europa. Das liegt daran, dass die Formatierungskonventionen aus den USA stammen und international beibehalten werden. Wenn Sie mit deutscher Software arbeiten, die standardmäßig A4 einstellt, müssen Sie das Seitenformat manuell ändern.
Die Ränder: links 3,5 cm (für die Heftung), rechts 2,5 cm, oben und unten jeweils 2,5 cm. Der Zeilenabstand ist einfach (nicht 1,5 oder doppelt).
Die Szenenüberschrift
Jede Szene beginnt mit einer Szenenüberschrift — auch Slugline genannt. Sie steht in Großbuchstaben und enthält drei Informationen: ob die Szene innen oder außen spielt, wo sie spielt und zu welcher Tageszeit.
INNEN. WOHNZIMMER — NACHT
AUSSEN. PARKPLATZ VOR DEM KRANKENHAUS — TAG
INNEN./AUSSEN. AUTO (FAHREND) — DÄMMERUNG
Die Abkürzungen INNEN. und AUSSEN. (oder INT. und EXT. im englischsprachigen Format) sind fest etabliert. Die Ortsangabe sollte kurz und eindeutig sein. Die Tageszeit beschränkt sich auf TAG und NACHT — differenziertere Angaben wie MORGEN, DÄMMERUNG oder SPÄTER ABEND sind möglich, aber sparsam einzusetzen.
Die Szenenüberschrift wird nicht nummeriert — das geschieht erst in der Drehfassung (Shooting Script), die für die Produktion erstellt wird. Im Autorenentwurf bleiben die Szenen unnummeriert.
Die Handlungsbeschreibung
Die Handlungsbeschreibung (auch Action, Regie oder Beschreibung genannt) steht unter der Szenenüberschrift und beschreibt, was in der Szene passiert — was man sieht und hört. Sie wird in normalem Fließtext geschrieben, im Präsens, in kurzen, präzisen Sätzen.
Maren betritt das Pflegeheim. Der Flur riecht nach Desinfektionsmittel. An der Rezeption sitzt niemand. Sie geht weiter, öffnet eine Tür und bleibt stehen.
Beim ersten Auftreten einer Figur wird ihr Name in Großbuchstaben geschrieben, zusammen mit einer kurzen Beschreibung: MAREN (42), schmale Schultern, wacher Blick, müde. Danach wird der Name normal geschrieben.
Wichtig: Die Handlungsbeschreibung beschreibt nur, was die Kamera zeigen kann. Keine inneren Monologe, keine Gefühle, die sich nicht in Handlung oder Ausdruck äußern. Nicht „Maren fühlt sich unwohl” — sondern „Maren zieht die Schultern hoch und schaut sich um.”
Der Dialog
Dialoge sind das Herzstück jedes Drehbuchs und haben eine eigene Formatierung. Der Name der sprechenden Figur steht zentriert in Großbuchstaben. Darunter folgt der gesprochene Text, ebenfalls zentriert, aber mit breiteren Rändern als die Handlungsbeschreibung — links bei ca. 6,5 cm, rechts bei ca. 6 cm.
MAREN
Ich bin seine Tochter.
Wenn eine Figur spricht, während sie gleichzeitig etwas tut, kann eine Parenthetical (Regieanweisung in Klammern) zwischen den Figurennamen und den Dialog gesetzt werden. Diese wird sparsam verwendet und beschreibt nur die Art des Sprechens — nicht die Handlung.
MAREN
(leise)
Ich bin seine Tochter.
Parentheticals sollten die Ausnahme sein, nicht die Regel. Wenn der Dialog selbst klar macht, wie er gesprochen wird, brauchen Sie keine Anweisung. „Hau ab!” braucht keine Parenthetical „(wütend)” — das versteht jeder.
Übergänge
Szenenübergänge wie SCHNITT AUF: (CUT TO:), AUFBLENDE (FADE IN) und ABBLENDE (FADE OUT) stehen rechtsbündig in Großbuchstaben. In modernen Drehbüchern werden sie allerdings kaum noch verwendet — der Wechsel von einer Szene zur nächsten wird einfach durch die neue Szenenüberschrift markiert. AUFBLENDE am Anfang und ABBLENDE am Ende des Drehbuchs sind nach wie vor üblich.
Seitenumbrüche und Fortsetzungen
Wenn ein Dialog auf der nächsten Seite fortgesetzt wird, steht am Ende der Seite unter dem Dialog (FORTS.) oder (MORE) und am Anfang der nächsten Seite der Figurenname gefolgt von (FORTS.) oder (CONT’D). Drehbuch-Software erledigt das automatisch.
Wenn eine Szene über einen Seitenumbruch hinausgeht, steht am Ende der Seite (FORTS.) und am Anfang der nächsten FORTSETZUNG: — allerdings nur in der Drehfassung. Im Autorenentwurf ist das nicht zwingend.
Deutsche vs. englische Formatierung
In Deutschland wird grundsätzlich nach denselben Regeln formatiert wie international. Die wichtigsten Unterschiede sind sprachlicher Natur: INNEN./AUSSEN. statt INT./EXT., TAG/NACHT statt DAY/NIGHT, SCHNITT AUF: statt CUT TO:. Die Seitenformate, Ränder, Schriftart und Abstände sind identisch.
In der deutschen Fernsehbranche gibt es gelegentlich abweichende Konventionen — manche Sender oder Produktionsfirmen haben eigene Formatierungsvorgaben. Wenn Sie für eine bestimmte Produktion schreiben, fragen Sie vorher nach den hauseigenen Standards. Für spekulative Drehbücher (Spec Scripts), die Sie auf eigene Initiative schreiben und einreichen, gelten die hier beschriebenen internationalen Konventionen.
Die häufigsten Formatierungsfehler
Falsche Schriftart. Alles, was nicht Courier ist, fällt sofort negativ auf. Kein Verhandlungsspielraum.
Zu lange Handlungsblöcke. Wenn ein Handlungsblock mehr als vier oder fünf Zeilen hat, brechen Sie ihn in Absätze auf. Große Textblöcke wirken auf dem Papier erschlagend und verlangsamen das Lesen. Drehbücher sind visuelle Dokumente — auch auf der Seite muss Luft sein.
Kamera- und Regieanweisungen. In einem Autorenentwurf haben Anweisungen wie NAHAUFNAHME, TOTALE oder KAMERASCHWENK nichts verloren. Das Drehbuch beschreibt, was passiert — nicht, wie es gefilmt wird. Wie es gefilmt wird, entscheidet der Regisseur.
Nummerierte Szenen. Szenen werden erst in der Drehfassung nummeriert, wenn die Produktion die Szenen für den Drehplan zuordnen muss. Im Autorenentwurf bleiben sie unnummeriert.
Zu viele Parentheticals. Wenn jeder Dialogblock eine Regieanweisung in Klammern hat, liest sich das wie eine Bedienungsanleitung, nicht wie ein Drehbuch. Parentheticals sind für Ausnahmen gedacht — nicht für die Regel.
Wie geht es weiter?
Korrekte Formatierung ist die Eintrittskarte in die professionelle Filmbranche. Sie garantiert nicht, dass Ihr Drehbuch gelesen wird — aber sie stellt sicher, dass es nicht aus formalen Gründen abgelehnt wird. Die gute Nachricht: Wenn Sie eine Drehbuch-Software verwenden, erledigt sich die Formatierung größtenteils von selbst. Was bleibt, ist die Aufgabe, die Formatierung zu verstehen — damit Sie wissen, was die Software tut und warum.
Wenn Sie Ihr Drehbuch auf formale und inhaltliche Qualität prüfen lassen wollen — oder wenn Sie die Grundlagen des Drehbuchhandwerks in einem Workshop erlernen möchten — finden Sie unsere Angebote auf der Seite Drehbuch: Leistungen für Autorinnen & Autoren.
Literatur
David Trottier: The Screenwriter’s Bible. Silman-James Press, Los Angeles 2014. Der umfassendste Guide zur Drehbuchformatierung auf dem Markt — behandelt jede Frage, die Sie sich stellen können.
Syd Field: Screenplay — The Foundations of Screenwriting. Delta, New York 2005. Enthält die Grundlagen der Formatierung im Kontext der Gesamtstruktur eines Drehbuchs.
Martin Schabenbeck: Das Drehbuch im Hollywood-Format. dpunkt.verlag, Heidelberg 2008. Deutschsprachiges Handbuch, das die Konventionen für Stil, Struktur und Layout detailliert erklärt.
Christopher Riley: The Hollywood Standard. Michael Wiese Productions, Studio City 2009. Der offizielle Formatierungsguide, der in Hollywood als Referenz gilt.
Oliver Schütte: Die Kunst des Drehbuchlesens. UVK Verlag, Konstanz 2009. Zeigt aus Lektorensicht, welche Formatierungsfehler sofort ins Auge fallen.
Weiterführende Links
Wikipedia: Drehbuch — Grundlegende Informationen zu Format, Aufbau und Konventionen.
Movie-College: Drehbuch — Umfangreiche Wissensdatenbank mit Abschnitten zu Formatierung, Szenenaufbau und Dialog.
Filmpuls: Drehbuch schreiben — Enthält einen ausführlichen Abschnitt zur korrekten Formatierung mit Beispielen.
Fountain: Syntax-Dokumentation — Die offene Markup-Sprache für Drehbücher zeigt, welche Formatierungselemente existieren und wie sie zueinander stehen.